Um ehrlich zu sein, ich konnte mich Dienstag nicht aufraffen, einen Post zu schreiben. Darum steige ich nun ein, am Geburtshilfe-Sonntag, Kaiserschnitt-Sonntag, wie immer ihr ihn nennen wollt.
Ich möchte heute darüber schreiben, warum ich unter meiner eigenen Geburtserfahrung, die vor allem durch den ungeplanten Kaiserschnitt geprägt wurde, leide und hoffe dadurch, dass es Aussenstehenden hilft zu verstehen, warum mich dieses Thema so beschäftigt und warum man Kaiserschnittfrauen nicht einfach so abstempeln sollte.
Vielleicht liegt es in meinem Fall nicht am Kaiserschnitt an sich, aber an den Umständen, unter denen er stattgefunden hat. Dennoch gibt es auch Dinge zum Thema Kaiserschnitt, die ich problematisch finde und bewusst ablehne, dazu in Zukunft mehr.
Meine Schwangerschaft war super, abgesehen von Morgenübelkeit konnte ich wirklich nicht klagen. Daher machte ich mir kaum Gedanken um eine Schnittentbindung, informierte mich daher auch nicht ausreichend. Ein gravierender Fehler meinerseits. Ich ging davon aus, dass man aufgrund meines positiven Schwangerschaftsverlaufs im Krankenhaus automatisch annehmen würde, dass ich fähig sei, mein Kind selbstbestimmt auf natürlichem Wege zu gebären und man nicht sofort nach einem Kaiserschnitt schreien würde, wenn es mal etwas langsamer vorangeht. Dass man mich so ins kalte Wasser werfen würde, wie es letzendlich der Fall war, hatte ich nicht erwartet.
Bei ausreichender, medizinischer Indikation ist der Kaiserschnitt wohl in der Tat ein Segen und ist weitesgehend als lebensrettende (Notfall)massnahme anerkannt, doch wird er auch immer wieder als "sichere" Alternative zur vaginalen Entbindung empfunden. Vor allem für grosse Krankenhäuser, die einen Ruf zu verlieren haben, ist diese eindeutig falsche, gesellschaftliche Empfindung von Vorteil (für die selbstbestimmte Geburt in diesem Sinne natürlich von Nachteil), da sie vor allem rein rechtlich und rein finanziell Profitpotential birgt. Mit einer Rate von etwa 32% aller Entbindung in Deutschland (mit gravierenden, regionalen Unterschieden!) wird diese grosse, riskante Unterleibsoperation zum Routineeingriff.
Und dennoch wird man als Kaiserschnittmutter noch immer häufig verurteilt und steckt sowohl von anderen Müttern als auch als Partner einer solchen von den Herren der Schöpfung zum Teil unsägliche Kommentare ein. In einer Gruppe von Müttern läuft das wie folgt ab: "Und, wie war deine Geburt?" -"Nach X Stunden Wehen musste leider ein Kaiserschnitt gemacht werden." -"Oh, du Arme! Also ich habe spontan entbunden!" Und dann wird man mit einem Gemisch aus Mitleid aber auch irgendwie überheblich angesehen und es wird der Kaiserschnittmutter, die meist nichtmal etwas für die Art ihrer Entbindung kann, unter die Nase gerieben, wie wunderschön es doch ist, zu hören "Das Köpfchen ist schon da!" oder wie triumphal es sich anfühlt, die letzte Presswehe hinter sich zu bringen. Wahrscheinlich liegt dem jedoch zugrunde, dass viele Menschen einfach nicht wissen, dass Kaiserschnittmütter, wenn die Entbindung ungeplant in den OP verlegt wurde, meist hochsensibel auf derlei Erzählungen reagieren. Ein weiteres Thema ist unter Müttern auch der Beckenboden: "Also, ich tropfe ja immer noch, das ist ja schrecklich! Da hast du Glück, dass du einen Kaiserschnitt hattest, dein Beckenboden ist dann ja wenigstens noch intakt!" Das ist ein grosser Irrtum. Auch Kaiserschnittmütter haben eine Mehrbelastung des Beckenbodens erlebt und auch der muss wieder intakt gebracht werden. Ich kann nur sagen, ich tropfe gelegentlich auch nach 5 Monaten voll mit Yoga und Rückbildung noch und ich bin zarte 19 Jahre alt.
Noch härter jedoch wird mit dem Partner der Kaiserschnittmutter umgegangen. Unter Männern sind Scherze auf Kosten anderer wohl eher an der Tagesordnung als unter Frauen, häufig ist das sogar ganz lustig, doch auch vor dem sensiblen Thema der Geburt des eigenen Kindes wird oft nicht Halt gemacht. So wird in heiterer Runde erzählt: "Als meine Frau in den Wehen lag, hab ich nur da gesessen und mir einen Kaiserschnitt gewünscht. Deine Freundin hatte doch einen, oder? Man, die muss noch traumhaft eng sein. Bei uns ist das jetzt Vergangenheit." Zumeist lächelt der Partner dann verlegen und weiss, dass besagte Mutter im "Zustand nach Sektio" wohl von diesem Kommentar besser keinen Wind bekommt.
Alles in allem wird einem durch diese Art des Umgangs durch andere Menschen nur das bestätigt, was man sich selbst ohnehin schon vorwirft: Ich habe mein Kind nicht geboren. Ich habe in der einen Sache versagt, die ich als Frau können sollte.
Man fühlt sich, als sei man nicht dabei gewesen und in meinem Fall war es so: ich war nicht dabei. Etwas, was mir sehr zu schaffen macht. Nach zwei erfolglosen Versuchen, mir eine PDA zu legen, bekam ich eine Vollnarkose. Ich habe Tony weder gesehen, noch gehört, als er aus mir herausgehoben wurde, ich habe nichts mitbekommen. Und durch die Nachwirkungen von der Narkose, war ich auch nicht ganz da, als wir unsere ersten gemeinsamen Momente verlebt haben. Ich wurde von meinem Baby getrennt, keine Mutter sollte nach der Geburt von ihrem Nachwuchs getrennt werden, nicht eine Sekunde. Ich war gezwungen, das zu glauben, was man mir über Tonys Geburt, seine ersten Momente und sogar über das erste Kuscheln und Stillen erzählte, denn selbst habe ich keinerlei Erinnerung daran. Ich war nicht dabei. Und ich hatte keine Wahl.
Ich hatte so auf den Moment hin gelebt, die erste zu sein, die unseren Sohn in die Arme schliesst und ihm signalisiert: "Jetzt bist du da und wirst geliebt!", doch das wurde mir genommen. Als ich ihn das erste Mal in die Arme geschlossen habe war es laut Krankenhausakte 10:10 Uhr - er war also schon eine halbe Stunde alt und wurde bereits von gefühlten tausend Leuten berührt.
Fragt man eine Mutter, die spontan entbinden oder während ihres Kaiserschnitts wach bleiben durfte, hört man immer wieder, wie es gewesen ist, als sie ihr Baby zum ersten Mal gesehen, gehalten, gehört oder gerochen hat. Ich habe solche Erinnerungen nicht. Ja, ich hatte skin-to-skin, ich konnte stillen, sobald ich wieder wach war und hatte ausreichend Kuschelzeit im Kreissaal. Aber ich erinnere mich an keine einzige Minute. Es ist wie ein Filmriss, wie eine Erinnerung aus einem Traum blitzen einzelne Momente in mir auf, das erste woran ich mich bewusst erinnere sind die 10 Minuten vor der Verlegung auf Station. Wir haben Fotos von unserer Kuschelzeit und beim Ansehen frage ich mich "Wann ist DAS denn bitte passiert?". Ich erinnere mich nichtmal, wann unsere Fotografin gegangen ist, ich weiss nur, dass sie weg war als Mama in den Kreissaal kam. Diese Erinnerungslücke, das Verpassen nicht nur der Geburt, sondern der allerallerersten Momente, ist eines meiner grössten Probleme.
Des Weiteren: man kann es nicht wiederholen, denn man gebärt nur einmal. Zumindest dieses eine Baby. Das einzige, was einen möglicherweise heilen kann ist, ein weiteres Baby so zu gebären, wie man es sich wünscht - ohne Garantie auf Erfolg. Und natürlich ist es vollkommen abwegig, eine Geburtserfahrung schnellstmöglich durch eine weitere kompensieren zu wollen, vor allem, da nach einer Schnittentbindung mindestens ein Jahr vor der nächsten Schwangerschaft vergehen sollte.
Dann das Gefühl, versagt zu haben. Durch alle sozialen Schichten hindurch scheinen Frauen ein Kind nach dem anderen problemlos zu gebären- und man selber, die man sich monatelang auf diesen einen Moment vorbereitet hat, die man stundenlang Yoga gemacht und total entspannt in die ganze Erfahrung hineingegangen ist, schafft es nichtmal, eines ohne Hilfe zu bekommen. Das tut weh. Vor allem fragt man sich dann, als angehender Akademiker: "Wo würde ich jetzt sein, wenn ich im Mittelalter leben würde, wo nicht mal eben so ein Kaiserschnitt gemacht werden kann?" (Anmerkung: Ich denke heute, dass ich ohne die schnelle Verfügbarkeit einer Sektio problemlos spontan hätte gebären können)
Und die Narbe. Das verlorene Körpergefühl. Vielleicht ist das etwas, was auch auf Frauen, die spontan entbunden haben zutrifft, doch ist es bei einem Kaiserschnitt meiner Meinung nach noch verstärkt (was ich wiederum nicht ganz beurteilen kann, da ich noch nie spontan entbunden habe ;) ). Nicht nur die Schwangerschaft, auch die Geburt hinterlässt beim Kaiserschnitt eine Spur am Körper, welche einen immer daran erinnert, dass man aufgeschnitten wurde. Welche wochen- und monatelang schmerzt und ewig braucht, bis sie verblasst.
Zuletzt bin ich enttäuscht, dass ich derart vom Krankenhauspersonal übergangen worden bin. Irgendjemand muss überreagiert haben, sonst wäre es nicht zu diesem übereilten Entschluss gekommen. Natürlich kann ich nun denken, dass ich mich besser gegen diese Pläne hätte wehren sollen, doch in den Wehen ist das nicht so einfach. Diskutieren ist nicht möglich, man ist der Entscheidungsmacht der Ärzte komplett ausgeliefert.
Vielleicht hilft dieser Artikel denen, die bis heute nicht ganz nachvollziehen konnten, warum Kaiserschnittmütter auf gewisse Situationen oder Worte auf gewisse Weise reagieren oder, warum diese Erfahrung mich auch auch 5 Monate nach Tonys Geburt nicht loslässt.
Bis dahin verabschiede ich mich für heute.
Eure Wiebke
